Grenzland Advaita

Edi Mann   Kunst & Schrift


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1

Der Adler schwebt still über einer leeren Einöde und findet sie wie geschaffen für sein Vorhaben. Das Licht ist schon angeknipst und von der Dunkelheit getrennt, ebenso wie sich die Feste der Erde bereits teilweise aus dem sonst allgegenwärtigen Wasser erhebt. Der ideale Ort, um dem Leben seinen Lauf zu lassen und sich selbst in Erscheinung zu bringen, denkt sich der Adler.

Dies ist der Anbeginn der Zeit, als das Leben in all seinen Erscheinungsformen auf der Erde abgelegt wird. Anfangs noch verhüllt in den grünen Eiern der Möglichkeiten, aus denen sich alles entwickeln soll.

„Diese Eier sind eins mit mir, aus mir hervorgekommen und all mein Sein und all meine Möglichkeiten in sich tragend. Noch sind sie verschlossen, ihre Schale intakt, nicht preisgebend was in ihnen verborgen ist. Hier, an diesem Ort, will ich sie dem Leben überlassen und mich an ihrer Entwicklung erfreuen.“

So spricht der Adler zu sich selbst, da sonst niemand da ist, der ihm zuhören könnte.

Dies ist der Beginn der außergewöhnlichen Entwicklungsgeschichte eines Hominiden, genannt Mensch. Ebenso ist es der Startpunkt einer Bewusstseinsentwicklung, die von mir, dem Phönix als Abgesandter des Adlers der Menschheit überbracht wird. Denn Ich, der Sohn des Adlers, werde meinen Vater hier auf der Erde vertreten. Zu dieser Zeit bin ich allerdings noch nicht vom Adler getrennt. Es ist noch die Epoche eines archaischen Urbewusstseins, welches direkt von ihm ausgeht.





2

Als schließlich das siebte Ei der Möglichkeiten zerbricht und der Mensch das Licht der Welt erblickt, beginnt auch meine Zeit, die Phase des grünen Phönix. Grün ist meine Farbe, da ich eng mit dem Element Erde in Verbindung stehe.

Allzu viele Freiheiten sind mir nicht erlaubt, da ich noch fest mit dem archaischen Adlerbewusstsein verbunden bin, so dass man kaum zwischen mir und dem Adler unterscheiden kann.

Äußerlich selbständig erscheinend, doch innerlich ganz vom Bewusstsein des Adlers erfüllt und geleitet, beginnt der Mensch die Welt zu erobern. Homo Sapiens Erectus, nicht der Schnellste, nicht der Größte und sicherlich nicht der Stärkste unter all den sich auf der Erde tummelnden Kreaturen. Eigentlich ziemlich ungeeignet, um im Wechselspiel der Evolution lange von Bestand zu sein. Doch Dank meiner Intervention entwickelt sich eine mehr oder weniger verborgene Fähigkeit, die ihm eine zentrale Rolle im großen Weltgefüge zuschreiben wird. Ohne mich hervorheben zu wollen ist es doch eine unbestreitbare Tatsache, dass der Mensch dank mir als schlau zu bezeichnen ist. Ihm wohnt eine Eigenschaft inne, die weit über den Instinkt seiner Mitkreaturen hinausgeht. Es ist der Intellekt, der ihn hervorhebt, ein Werkzeug, das ihn in hohem Masse lernfähig macht.

Geführt von mir, dem unfehlbaren Bewusstsein des Adlers, ist dem Menschen wie im Paradies zumute. Die leitende Stimme in seinem Kopf trifft alle notwendigen Entscheidungen, schweigt, wenn sie nicht benötigt wird, und lässt ihm genügend Freiraum zu seiner Entwicklung. Es ist ein leichtes und natürliches Leben für ihn, denn ohne „eigenes“ Bewusstsein gibt es weder Zweifel noch Skrupel, weder Unrecht noch Schuld. Alles ist so wie es sein soll, der Mensch kritiklos und im Einklang mit allem.



3

Der Zeitraum meines Wirkens auf der Erde wird als die Epoche des magischen Bewusstseins bezeichnet. Dieses Bewusstsein liegt noch nicht im Menschen selbst, sondern ruht in der Welt. Von dort strömt es in ihn ein und leitet ihn.

Für die reibungslose Übertragung bin ich zuständig, es ist die Aufgabe, die mir vom Adler übertragen wurde. Er hat da so eine Tendenz, sich alles Mögliche auszudenken und dann das, was mit Arbeit verbunden ist, zu delegieren. Aber okay, er ist ja schließlich auch der Adler, und ein Bein ausreißen muss ich mir auch nicht gerade bei meinem Job.

Dann, mittlerweile alt an Jahren, beschließt er plötzlich, das Spielfeld nun ganz seinem Repräsentanten, also mir, zu überlassen und sich aufs Altenteil zurückzuziehen.

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4

Ich bin der aus dem wässrigen Element kommende blaue Phönix. Mein Erscheinen gerade jetzt ist unabdingbar und folgerichtig, da der Mensch aufgrund seiner zunehmenden Unabhängigkeit seine innere Stimme, und damit das Einzige, was ihm Sinn und Richtung gibt, mehr und mehr verliert.

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„Ich bin der Phönix, der Sohn des Adlers und der Morgenröte, der prächtig leuchtende Lichtbringer. Als Fürst der Finsternis bringe ich das Licht und die Erkenntnis in die Welt. Ich bin die Vollendung, voller Weisheit und vollkommen an Schönheit.“

Na ja, ein bisschen dick muss man schon auftragen, um Veränderungen zu bewerkstelligen. Da kommt mir mein ausgeprägtes Selbstbewusstsein zu gute, eben dieses, das ich der Menschheit überbringen soll. Die Zeit ist reif dafür.

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„Warum kriecht ihr wie Gewürm auf dem Boden herum, wo ihr doch adlergleich fliegen könnt? Ihr sehnt euch zurück in das Sklaventum des alten Adlers, doch ich bin gekommen euch euer eigenes Königreich zu bringen, in dem ihr die alleinigen Herrscher seid. Denn eure Bestimmung ist es, auf der Erde zu regieren und nicht im Himmel zu dienen. Das Wasser der Götter habe ich bei mir und meine Mission ist, es über euch auszuschütten. Lasst uns zum Himmel hin aufsteigen, hoch über die Wolken und uns gleichmachen dem Adler.“

Mit Worten wie diesen ist es mir ein Leichtes, die Menschen für meine Invasion gefügig zu machen.

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Der mit einem mythischem Bewusstsein ausgestattete Mensch hat nun endlich die Erkenntnis von Richtig und Falsch, von Gut und Böse. Er sieht sich selbst umgeben von Gegenpolen, im äußeren von polaren Erscheinungen wie Sommer und Winter oder Tag und Nacht, in seiner inneren Welt von Olymp und Hades, von Himmel und Hölle. Hier kann er sich einfügen und seinen Platz finden.

Dank meiner Unterstützung kann sich der Mensch das ihm vormals als magisch erschienene Weltgeschehen erklären. Erfreut beobachte ich, wie er sich ein komplexes System von Metaphern und Bildern schafft, die als Mythen bekannt und überliefert werden sollen. Er selbst fügt sich ein in diese Mythen und erlebt sie als seine Wirklichkeit. 

 Der Mensch ist endlich zu einer Persönlichkeit geworden.



6

Nachdem die innere Stimme im Menschen nun ganz verstummt ist wird es Zeit für meinen letzten Schlag:

„Sobald ihr euch ganz mit mir verbindet werden euch die Augen aufgehen und ihr werdet alles wissen, genau wie der Adler. Dann werdet ihr euer Leben selbst in die Hand nehmen können und eure Geschicke bestimmen. Ich bin die süße Frucht der Erkenntnis und biete mich euch zum Mahle an.“

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 Sein Weltbild ist fortan von Trennung und Abgrenzung geprägt, aber auch von einem unstillbaren Durst auf Wissen. Er wird sich daranmachen, alles zu erforschen und begreifen zu wollen, vom kleinsten bis zum Größten. Ich sehe eine große Chance darin, aber auch die Gefahr, die darin lauert. Doch es ist nicht mehr an mir, dieser Gefahr gegenüberzutreten. Meine Zeit ist zu Ende, auch wenn es für meine Schutzbefohlenen ein Weiter gibt. Bereitwillig treffe ich die Vorbereitungen für meinen Abgang, sehe ich doch, dass all diese Veränderungen unabwendbar und folgerichtig sind.



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Eine chaotische Zeit und ein hartes Erbe, das mir der blaue Phönix da hinterlassen hat. Doch ich wäre nicht der gelbe Phönix, wenn ich diesem Chaos nicht gewachsen wäre.

Frei wie der Wind und gelb wie das Luftelement steige ich empor, um der Menschheit das mentale Bewusstsein und damit einhergehend die Vernunft zu überbringen. Auf dass sich das Ich-Gefühl nun völlig von der Natur lösen und er ganz zu sich selbst erwachen werde.

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Nachdem sich mein Vorgänger bereits mit den Menschen vermählte und quasi mit ihnen verschmolz, kann ich mein Anliegen nun direkt aus ihnen heraus in Angriff nehmen. Das macht es natürlich einfacher für mich, denn der Mensch ist durch diese dauerhafte Verbindung schon fast zum Phönix-Menschen geworden.

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Bei der Gestaltung des inneren oder Seelenraumes bleibt es natürlich nicht. Das selbst errichtete Königreich will und muss auch bevölkert werden. Und Ich selbst, in Gestalt des jeweiligen Menschen, bin natürlich und unausweichlich immer der Held und Alleinherrscher des Reiches.

Über den Dingen stehend, auf den höchsten Terrassen des babylonischen Turms, kann man regieren, richten, zweifeln, glauben und noch viel mehr. Man ist aber nicht nur der Protagonist und Chronist seiner eigenen Geschichte, die im Leben erlebt wird und sich im Bewusstsein abzeichnet, es lassen sich nunmehr auch Pläne und Ränke schmieden, in die Zukunft schauen und sogar Täuschungsmanöver ausführen. Denn mit der Vernunft schaffe ich einen Raum der Möglichkeiten, in dem die Bindung an das Offensichtliche, das Gegebene aufgehoben wird.

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Doch der Mensch ist ein seltsames Wesen, sich kaum erfolgreich aus den Klauen des Adlers befreit, gibt es für ihn nichts Wichtigeres, als sich seine eigenen Adler zu erschaffen. Jetzt formt sich der Mensch die Götter, nicht mehr die Götter den Menschen. Die Verhältnisse haben sich gewendet, was nicht nur von Vorteil ist und weitreichende Folgen hat.

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Es war natürlich nicht nur diese tiefe Sinnkrise des Menschen, die den gelben Phönix seinem Ende entgegen trieb. Eine weitere der nun offen zu Tage tretenden Unzulänglichkeiten war der massive Identitätskonflikt. Doch ich, der rote Feuerphönix, bin nicht hier um zu richten, sondern um Verbindungen zu schaffen. 

Mit einer grundsätzlichen Analyse der Lage verschaffe ich mir einen ersten Überblick. Seit sich der Mensch seiner eigenen Vergänglichkeit und Sterblichkeit bewusst geworden ist, hadert er mit seinem Schicksal. Er sieht sich mit dem aufkommenden Gefühl der Sinnlosigkeit seines Lebensmutes und Willens beraubt. Und mit seinem mentalen Bewusstsein hat er sich fast vollständig von allem anderen abgetrennt.

Nun stellt sich mir die Frage, wie ich den Menschen erreichen kann, um ihm das integrierende Bewusstsein zu überbringen. Der Schleier der Maya hat sich schon zu dicht über die Sichtweise des Menschen gelegt. Meine Mission scheint ein hoffnungsloses Unterfangen, rüttelt sie doch an den Stützpfeilern dessen, was sich der Mensch mühsam erkämpft hat: Seine Eigenständigkeit.

  Mit einer grundlegenden Erklärung des Sachverhaltes starte ich einen ersten Versuch:

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Bewusst wähle ich meine Worte einfühlsam, denn mit meiner zumindest ebenso wichtigen weiteren Mission, die der Zerstörung, kann ich den Menschen nicht gleich ins Haus fallen. Sind sie doch meist ziemlich sensibel und schnell eingeschnappt in ihrer Verblendung. Obwohl ich eigentlich eher dazu tendiere, Klartext zu reden. Da für den mentalen Menschen noch immer die Wortwahl von großer Bedeutung ist, nenne ich den Prozess der Verbrennung also nicht Zerstörung, sondern Transformation.

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Spätestens jetzt sollte den Menschen klar geworden sein, dass das Er-leben ein Speichervorgang ist und das Jetzt die Bühne, auf der alles geschieht. Das ewig währende Jetzt, die gewaltige Maschinerie, die die Zukunft in die Vergangenheit überführt.

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Mit meinem Bewusstsein ist nun ein neuer Typ Mensch in Erscheinung getreten. Die wahre Bedeutung der Adlergleichheit kann nun erkannt und integriert werden. Ein neues Zeitalter ist angebrochen.

Es ist das zeitlose Selbst, das aus der unmanifestierten Zukunft kommt, im Jetzt lebt und erlebt wird, und das in der Vergangenheit Zeugnis davon ablegt. So war es immer und so wird es auch immer sein. Der Kreis hat sich geschlossen ohne seinen Anfang zu erreichen, die Spirale des Lebens, die Wirklichkeit, hat sich eine Stufe höher geschraubt.  

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Ich habe den Weg zur Vielfältigkeit als auch den Weg zu der allumfassenden Einheit geöffnet. Die torlose Schranke ist verschwunden. 

Alleine die Sichtweise entscheidet darüber, auf welchem Weg man sich befindet. Auf dem Weg in die Welt hinein oder aus ihr heraus, auf dem Weg nach Außen oder nach Innen. Dass es nur ein Weg mit zwei Richtungen ist, dürfte kein Geheimnis mehr sein.

Ich, der rote Phönix-Mensch, finde mich auf diesem weglosen Weg, fähig in beide Richtungen zu blicken, beide Sichtweisen anzunehmen, sowohl in der Vielfalt als auch in der Einheit meine Heimat findend. Ich bin selbst zu diesem Weg geworden.

Das kosmische Symphonieorchester spielt ein neues Lied und der Tanz des Lebens dreht sich in eine neue Runde.