GRENZLAND ADVAITA

EDI MANN



20 Monate nach dem Erscheinen des Buches 

"Der Grenzwächter (Durchbrechen der torlosen Schranke)"

gelang es einem Redakteur, den Mythos persönlich zu kontaktieren.

Hier das Interview aus dem mysteriösen Grenzland




  Die Idee zu dem Interview kam auf, als das Buch „Der Grenzwächter“ in der Redaktion auftauchte. Es machte schnell die Runde unter den Angestellten und freien Mitarbeitern, was eine heftige Diskussion über den Inhalt nach sich zog. Die Sichtweisen und Reaktionen auf das Buch hätten kontroverser nicht sein können.
  Da ich den größten Forschergeist, oder nennt es wegen mir auch Neugier, zu besitzen schien, fiel die Wahl, nähere Informationen einzuholen, auf mich. Obwohl ich auch den leisen Verdacht hege, dass die Obrigkeiten in der Redaktion mich einfach nur loswerden wollten. Aber wie auch immer, es entwickelte sich zu einem richtigen Abenteuer, das schon damit begann, den Protagonisten des Buches, also den Grenzwächter, überhaupt aufzufinden. Denn dieser war es, an den ich mich halten musste, der genannte Autor des Buches war und blieb unauffindbar. Doch das ist eine andere Geschichte, hier soll der Original-Wortlaut des Interviews wiedergegeben werden, ohne Rücksicht auf meinen eigenen Ruf, da das Gespräch doch eine überraschende Wendung nahm.



  Also dich aufzufinden bedeutet wirklich ein hartes Stück Arbeit. Fast könnte man meinen, du würdest dir absichtlich einen Schleier der Täuschung überhängen. Gibt es einen bestimmten Grund dafür, warum du dich in diese unzulängliche Einöde verkrochen hast, weitab jeglicher Zivilisation?

  Ich bin der Grenzwächter. Und wo sollte sich ein Grenzwächter anders aufhalten als an der Grenze?

  Ja, der Grenzwächter... Stellt denn das Buch, in dem du den Part des Hauptdarstellers innehast, denn nun eigentlich eine Fiktion, eine Biographie, oder womöglich eine von dir selbst verfasste Autobiographie dar?

  Das kommt wohl auf dein persönliches Ordnungssystem an, unter welcher Rubrik du es ablegst. Und nein, ich bin nicht selbst der Autor des Werkes. Sicher, es scheint meine Geschichte zu sein, die da in der Ich-Form erzählt wird, doch bei ihrem Entstehungsprozess verhielt es sich ähnlich wie jetzt bei diesem Interview. Ich erzählte meine Geschichte einem Zeugen, der anschließend den Weg zurückfand, um sie zu publizieren. Dieser Zeuge war übrigens die erste Person, die ich davon abhalten musste, über die Grenze zu gehen. Das war überraschend für mich, praktisch umgekehrte Verhältnisse vorzufinden. Es gab der Bezeichnung Grenzwächter eine ganz neue Bedeutung.

  Was ist das eigentlich für eine Grenze, von der auch im Buch dauernd die Rede ist? Wo befindet sie sich denn? Ich kann hier nichts dergleichen feststellen.... überall nur diese eintönige Wüste um uns her...

  Es ist die Grenze des Seins. Es ist die ultimative Grenze für dich, genauso wie sie die ultimative Grenze für alle Personen ist. Wenn es einer Person gelingt, bis zu mir vorzudringen, dann kann sie davon ausgehen, bei ihrer eigenen Grenze angekommen zu sein.

  Das ist ein gutes Stichwort, „andere Personen“. In dem Buch wirst du als Mörder bezeichnet. Oder du bezeichnest dich vielmehr selbst als solchen, der die dich aufsuchenden Personen rücksichtslos umbringt. Na ja, so ganz glauben konnte ich dies nicht, sonst hätte wohl die Neugier, dich kennenzulernen, nicht über die Angst davor gesiegt. Das Thema ordnete ich für mich, wahrscheinlich aus reinem Selbstschutz, in die Rubrik Fiction ein. Oder muss ich etwa, wie all die Personen im Buch, um mein Leben bangen? Um ehrlich zu sein, so ganz wohl ist mir nicht in meiner Haut.
  Es war übrigens der Chefredakteur, der auf den Titel: „Interview mit einem Mörder“ bestand. Ich persönlich distanziere mich davon, mir wäre „Interview mit dem Mythos Grenzwächter“ entschieden lieber.

  Oh, mach dir deshalb keine Sorgen. Was spricht schon dagegen, als Mörder bezeichnet zu werden? Scheint mir auf jeden Fall ehrlicher als ein Mythos. Und du bist ja nicht gekommen, um die Schranke zu überwinden. Deine Intention ist es, wenn ich das richtig verstanden habe, zurückzukehren und zu berichten. Wenn du dich allerdings entschließen solltest, den Test des „wahren Menschen“ über dich ergehen zu lassen, sieht die Sachlage etwas anders aus.

  Nein Danke, so weit geht die Neugierde dann doch nicht. Mir reichen die Berichte aus zweiter Hand, wie sie im Buch beschrieben sind. Ich stelle keinen Anspruch auf eine eigene Wahrhaftigkeit, mir reicht das Bezeugen von dem, was ich hier zu sehen und hören bekomme.

  Eine weise Entscheidung, wenn dir dein Leben lieb ist. Ein Leben, das du zwar nie gehabt hast, für das du aber so ziemlich alles tun würdest. Paradox.

  Oh ja, ich hänge an meinem Leben, es ist mir mein wertvollster Besitz. Womit wir auch gleich bei einer weiteren Frage wären: Was gibt dir eigentlich das Recht, über die dich aufsuchenden Personen zu richten? Obwohl ja auch die Meinung kursiert, dass es sich bei deinen Opfern gar nicht um wirkliche Personen handelt, sondern nur um deine eigenen Persönlichkeitsaspekte.

  Eine gute Frage, die aber nur für den unterscheidenden Intellekt von Bedeutung ist. Meinst du denn, der Unterschied zwischen diesen „inneren“ Aspekten und der „äußeren“ Erscheinung wäre so groß? Oder überhaupt gegeben? In der esoterischen Szene heißt es doch auch, dass das, was dir im Außen begegnet, ein Spiegelbild deines Inneren ist. Und auch die Anhänger der Quantentheorie haben erkannt, dass das wahrgenommene Phänomen vom Beobachter abhängt, also vom Wahrnehmenden selbst hervorgebracht wird. Ebenso prägte der alte Mystiker Hermes Trismegistos den Satz: „Wie Innen, so Außen“. Ganz zu schweigen von der östlichen Tradition, die behauptet, alles wäre Geist.

  Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob das meine Frage beantwortet hat, aber lassen wir es mal darauf beruhen. Einige der Leser dieses Interviews werden bestimmt erpicht darauf sein, dich aufzusuchen. Wie die Personen im Buch werden auch sie die unterschiedlichsten Gründe dafür anführen. Ich frage mich, was die ausschlaggebende Kraft für ihr, um es positiv auszudrücken, wagemutiges Handeln sein mag. Ist es eine Art Todessehnsucht, oder einfach nur unbedarfter, unüberlegter Leichtsinn?

  Es ist, wie es ist, Gründe braucht nur der Verstand, der meint, die Geschichte unter Kontrolle zu haben.
  Ich meine, es sind die Mutigen, die den Schritt wagen. Die es satt haben, von ihrer selbsterzeugten Illusion eingelullt zu werden. Die dazu getrieben werden, einer Wahrheit hinter all der Täuschung auf den Grund zu gehen. Der angeblich freie Wille reicht dafür als Erklärung nicht aus. Dieser führt nur weiter in die Illusion, da er selbst ein Produkt der Vorstellung ist. Es scheint sich eher um eine Folgerichtigkeit zu handeln, eine Entscheidung, die nicht willentlich herbeizuführen ist.

  Ist das der Grund, warum du dich so gut verborgen hältst und so selten, wenn überhaupt, öffentlich in Erscheinung trittst?

  Wer auf der Suche nach sich selbst ist, wer auf eine ehrliche Antwort aus ist, was es mit seinem Dasein wirklich auf sich hat, wird zwangsläufig irgendwann an seine Grenze kommen. Und dort, an dieser Grenze, im Grenzland, wird die Person keine Schwierigkeiten haben, mich anzutreffen. Ich verberge mich nicht, ich bin jetzt und immer hier. Für die Selbstzufriedenen besteht kein Grund, mich aufzusuchen. Sie haben sich in ihrer Gefängniszelle eingerichtet, für sie bedeuten die selbst gezogenen Mauern mehr Schutz als Hindernis. Das ist völlig in Ordnung und ich will keinen ermutigen, hierherzukommen.

  Ich kann mir trotzdem vorstellen, dass dies ein ganz schön aufwendiger Job ist, wenn man bedenkt, dass so viele auf der Suche nach sich selbst sind... Du musst haufenweise zu tun haben... Oder gibt es noch mehrere deiner Art?

  Diese Frage muss erstmal unbeantwortet bleiben, da ich es einfach nicht weiß. Begegnet ist mir bisher noch keiner. Wäre bestimmt auch ziemlich unwahrscheinlich, da jede Person ihr eigenes Weltbild, ihren eigenen begrenzten Horizont, ihre eigenen Vorstellungen und damit ihre eigene Grenze, ihr eigenes Grenzland hat. Ich weiß nur von den Personen, die ihre Grenze hier in diesem Grenzland gefunden haben... andere sind mir nicht bekannt. Es ist fraglich, ob es diese ominösen „Anderen“ überhaupt gibt, ich kenne sie nur vom Hörensagen und darauf will ich mich lieber nicht verlassen. Außerdem genügt mir die Auseinandersetzung mit den persönlich hier erscheinenden Personen, für Spekulationen ist hier kein Raum. Mutmaßungen schaffen es wohl kaum bis hierher.

  Du bezeichnest dich selbst als Grenzwächter, ziehst in Betracht, dass all die von dir getöteten Personen deine eigenen Persönlichkeitsaspekte waren... Da kommt der Verdacht auf, dass es sich bei dir, entschuldige die drastische Wortwahl, um ein aufgeblähtes Riesenego handelt, das keine Konkurrenz neben sich duldet...

  Ha ha ha, diesen Verdacht hegte ich selbst auch schon. Das war die Zeit, als ich mich selbst in Zweifel zog. Doch dann schaute ich genauer hin, wo ich mich eigentlich befinde. Auf der einen Seite fand ich nur erscheinende Vorstellungen, auf der anderen, im wahrsten Sinne des Wortes, Nichts. Auf der einen Seite gab es keine Wahrheit zu finden, auf der anderen war niemand da, um sie zu bezeugen. Der so etwas wie einer Wahrheit am nächsten kommende Ort ist also dieses Grenzland. Denn um nichts anderes geht es hier, um Wahrheitsfindung, um das Durchschauen der Vorstellung, um das Durchschreiten der torlosen Schranke.

  Verstehe ich das richtig, dass du selbst die Schranke nicht überwunden hast? Dass du selbst im Diesseits verbleibst, während du all die anderen Sucher ins Jenseits beförderst? Also fair kommt mir das nicht gerade vor.

  Ich könnte dir jetzt etwas von einer höheren Ordnung erzählen, von einer alles miteinander verbindenden und ausgleichenden 5. Dimension, von einer Wahlfreiheit, die es überhaupt nicht gibt, etc. Doch es ist viel einfacher. Für mich gibt es diese Schranke nämlich gar nicht. Sie ist nur für die Personen existent, die sie zu überwinden trachten. Mein Job ist es, sie zu dieser Schranke zu führen, sie gewissermassen vor ihnen zu errichten, ihnen die Gelegenheit zu geben, der Wahrheit ins Auge zu blicken... was natürlich einem Blick in den Abgrund des Nichts gleichkommt. Und dieser Blick in die Leere... das übersteht kaum ein Wahrheitssuchender. Eben weil die suchende Person selbst nur eine Vorstellung ist. Ich habe das Person-sein überwunden. Ich bin der Grenzwächter. Für mich ist der Blick in beide Richtungen möglich, der Blick in die Illusion und der Blick in die Wahrheit. Ich habe mich selbst als diese begrenzende Schranke erkannt, als dieses unüberwindbare schrankenlose Tor.

  Und warum sollte dies für mich oder all die anderen Sucher nicht möglich sein?

  Weil du an deinem Person-sein festhältst. Weil du in deinem Person-sein gefangen bist. Weil du viel zu gerne in deine Dramen verwickelt bist, das einen ernsthaften Versuch, dich daraus zu befreien, unmöglich macht. Und weil die Angst vor dem Nicht-Sein deine Suche nach Wahrheit zu einer Farce macht. Aber halte sie fest, diese Angst, denn ohne sie bist du verloren. Wie schon gesagt, wenn dir dein Leben lieb ist, bleib bei der Rolle des Zeugen.Diese Rolle kannst du auch als Person ausfüllen, ohne komplett in das Geschehen involviert zu sein. Obwohl mir die Geschichte mit der Wahlfreiheit sehr zweifelhaft vorkommt. Eine Wahl, das eine zu tun oder das andere zu lassen scheint mir kaum gegeben.

  Jetzt komme ich mir doch wie auf dem Prüfstand vor. Oder besser gesagt, meine bisher als unumstößlich geltenden Grundüberzeugungen geraten bei deinen Worten mächtig ins wanken.

  Die Grundüberzeugungen können ein Anker sein, mit dem man sich im oft turbulenten Leben festigt. Mit dem man sein Boot auf dem Ozean des Daseins vertäut. Doch wenn du über deine eigene Wirklichkeit hinausgehen willst, einer grundlegenden Wahrheit auf der Spur, müssen alle Ankerketten gekappt werden.

  Ist dies bei den hier im Grenzland strandenden Personen der Fall gewesen?

  Manchmal geschieht dies unfreiwillig, durch einen Sturm, der die Ankerkette zerreißt, manchmal werden die Anker von den Personen selbst eingeholt, weil das aufkommende Unwetter vorausgeahnt wird. Weil die Grundeinstellungen in Frage gestellt werden und man es satt hat, sein Leben auf eine Täuschung aufzubauen. Doch wie auch immer es geschieht, es kann kaum etwas dagegen getan werden.
  Bei dir ist dies noch nicht der Fall gewesen, die Ankerkette namens „Ich bin der, die, das oder was auch immer“ ist noch fest mit dem Grund verbunden. Aber Vorsicht, solange diese Überzeugung wichtig für dich ist, solltest du sie dort belassen.

  Ich habe das Gefühl, das Interview an dieser Stelle abbrechen zu müssen. Ich bin doch viel zu sehr in diese Geschehnisse verwickelt, als dass ich objektiv darüber berichten könnte. Ausserdem werde ich mir das Buch noch einmal vornehmen müssen, diesmal unter Einbeziehung all der neuen Erkenntnisse durch das Gespräch mit dir. Diese Geschichte scheint sich auf verschiedenen Ebenen abzuspielen, von deren Tiefe ich gerade einen kleinen Einblick erahnte. 
   Doch ich bitte dich, zurückkehren zu dürfen, sobald ich etwas Ordnung in das momentane Gefühlschaos gebracht habe. Wenn ich mehr Klarheit über mich selbst erlangt habe.

  Oh, du bist jederzeit herzlich willkommen. Du weißt ja, Ich bin immer hier. Auch wenn das Hier manchmal woanders zu sein scheint. Es war mir eine Freude, mit dir zu plaudern. Wir sehen uns wieder.

  Grenzwächter, ich danke dir persönlich und auch im Namen unserer Leser für dieses Gespräch.