GRENZLAND ADVAITA

EDI MANN


Der Grenzwächter


Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek

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1. Auflage Februar 2013


© Copyright 2013 by Omega®-Verlag


Lektorat: Gisela Bongart, Helga Seiler

Satz & Layout: Martin Meier

Covergestaltung: agenturIDee

Covermotiv: shutterstock


Druck: , Český Těšín, Tschechische Republik


Dieses Buch wurde nach den Regeln der alten Rechtschreibung lektoriert.


Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen, fotomechanische und

elektronische Wiedergabe, Internet, Tonträger jeder Art und auszugweisen

Nachdruck, sind vorbehalten.


ISBN 978-3-930243-47-1


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Für Lila;

das Spiel geht weiter,

mit oder ohne uns.



Inhalt


Prolog

1. Der Mörder

2. Der Grenzwächter I (Vergangenheit)

3. Der Kontrollfreak

4. Der Grenzwächter II (Vergangenheit)

5. Die Suchenden I

6. Die Sucherkonferenz

7. Die Bucht der Erkenntnis

8. Die Sehnsucht

9. Die Suchenden II

10. Die Bucht der Reinigung

11. Der Sich-Selbst-Suchende

12. Der Grenzwächter III (Die Aufgabe)

13. Randgleiter

14. Der Grenzwächter IV (Die Aufgabe)

15. Zweifel

16. Der Gelehrte I (Meinung)

17. Der Wissende

18. Fragen

19. Der Gelehrte II (Meinung)

20. Die Kugel der Wichtigkeit

21. Grenzland I

22. Traumpfade

23. Kurzes Zwischenspiel der Zeit

24. Grenzland II

25. Der Mystiker I (Memento mori)

26. Der Revoluzzer (Konsensrealität)

27. Der Mystiker II (Memento mori)

28. Grenzland III

29. Sein und Nichtsein I

30. Der Nobody

31. Die Kreativen

32. Der Spieler

33. Sein und Nichtsein II




Der Weg selbst ist der wahre Führer,

doch niemand bezwingt ihn durch eine Regel.

Gib ihnen einen Namen, doch sie haben keinen Bestand.

Im Namenlosen des Nicht-Seins entstehen Himmel und Erde.

Im Namen-be-hafteten des Seins wohnt die Mutter aller Dinge.

Frei von Begehrlichkeit richte deinen Blick, und du wirst sehen:

die Feinheiten im subtilen Ur-Grund.

Mit absichtsvollem Tun begreife, und du wirst erkennen:

die Begrenztheit da draußen.

Zwei erscheinen, doch sie entstammen derselben Quelle,

ihr Unterschied, er beruht auf ihren Namen.

Finde in beiden das große Geheimnis.

Das Geheimnis im Geheimnis heißt ein Mysterium:

Durchschreite das Tor, und du erfaßt all seine Wunder.

– Laotse



Prolog



Wenn Anstrengungen notwendig sind, dann werden sie geschehen, und wenn es wichtig ist, daß keine Anstrengungen unternommen werden, dann wird auch das geschehen. Man braucht dem Leben nicht auf die Sprünge zu helfen. Fließe einfach mit ihm und gib dich völlig den Anforderungen des Augenblicks hin, was bedeutet, jetzt für das Jetzt zu sterben. Denn Leben bedeutet sterben. Ohne Tod gibt es kein Leben.

– Nisargadatta Maharaj



Die Erinnerung an all diese Morde. Ich weiß nicht, wie viele es bis dato waren, denn der Versuch des Zählens scheint wie so vieles hier zum Scheitern verurteilt. Aber was sind auch schon Zahlen angesichts der Unendlichkeit? Der Tod und das Leben, hier fließen sie zusammen. Hier treffen und vereinigen sie sich, um zusammen in Erscheinung zu treten.

Ob wohl all diese Erinnerungen als Ereignisse existent waren, bevor sie jetzt erinnert werden? Ist Erinnerung nicht so etwas wie ein Bewußtwerden? Und ist das Bewußtwerden nicht mit einem Erschaffungsprozeß gleichzusetzen? Aber hier scheint es gleichzeitig auch ein Vernichtungsprozeß zu sein. Existenzen, Personen aus Fleisch und Blut, Persönlichkeiten, Individuen... Hervorgebracht und vernichtet. Herausgeschöpft aus dem          Nichts und wieder hineingeschüttet.

Was jetzt geschieht, ist Erinnerung, scheint immer nur Erinnerung gewesen zu sein. Erschaffung und Vernichtung. Gleichzeitiges Erschaffen und Vernichten. Zeitliches Geschehen, das in einem nichtzeitlichen Nichtgeschehen stattzufinden scheint. Aber dies ist eine andere Geschichte. Die Geschichte der Zeit. Hier soll die Story eines Mörders erzählt werden. Meine Story.


Der Mörder



Zwischen Mensch und Wahrheit liegt Ertötung.

 Soeren Kierkegaard


Es ist nicht die Person, die durch Selbstverwirklichung befreit wird, sondern es ist das verwirklichte Wesen, welches von der Person befreit wird.

– Bernard


Ich bin ein Mörder. Ich würde jetzt nicht so weit gehen, dies als Beruf zu bezeichnen, obwohl sich doch so etwas wie eine Berufung feststellen läßt. Mit klaren und einfachen Worten: Ich fühle mich zum Töten, zum Morden          berufen. Im Vergleich mit einem Durchschnittsmenschen sieht es wohl so aus, als ob hier eine besondere Veranlagung dazu vorhanden ist. Und was könnte es Besseres oder Wichtigeres geben, als seine spezielle Veranlagung zum Ausdruck zu bringen? Wie auch immer, dieser Charakter hier scheint sich einfach dafür zu eignen.

Ich weiß, dieses Tätigkeitsfeld genießt bei einem Großteil meiner Mitmenschen keinen besonders guten Ruf. Aber ich für mich selbst bin damit im Reinen. Moralische Bedenklichkeiten finden hier nicht statt, jedenfalls nicht mehr. Und da ich mittlerweile auf eine lange Erfahrung und genügend Geschicklichkeit in diesem Metier zurückgreifen kann, ist auch von der anderen Seite aus nichts zu befürchten. Wobei sich in letzter Zeit von dieser anderen Seite aus überhaupt nichts mehr tut. Da zahlt sich dann die Diskretion aus, die natürlich das A und O ist, um in diesem Geschäft erfolgreich bestehen zu können.

Hier wurden viele getötet. Manche eigenhändig, andere wurden in den Selbstmord getrieben. Einige der Opfer boten einen langen und erbitterten Widerstandskampf, andere waren schon so gut wie tot, als sie hier ankamen. Die lange Suche nach diesem Ort hier, dem Grenzland, hat ihre Zuversicht zermürbt und ihre Energie verbraucht. Vielleicht sind sie auch ganz bewußt zum Sterben hierhergekommen. Ich weiß es nicht. Viele Dinge liegen im Dunkeln, und hier ist kein Verlangen danach, sie ans Licht zu holen.

Die Kämpfer waren mir eigentlich immer am liebsten. Die Widerspenstigen, die Guerillakämpfer, die alles auf die Waagschale werfen, sich ganz einbringen. Obwohl die besten Jobs natürlich die waren, bei denen man mein Eingreifen, meine Anwesenheit, gar nicht bemerkte. Aber als was auch immer sich der Gegner herausstellte, ihm wurde Respekt entgegengebracht. Respekt dafür, es bis hierher, ins Grenzland geschafft zu haben. Na ja, so gut wie immer. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Ein Tätigkeitsfeld wie dieses erfordert eine besondere Geschicklichkeit und auch viel Improvisationstalent, jedenfalls wenn es auf meine Art und Weise betrieben wird. Es gilt, sich vollständig auf seinen Gegner einzulassen, ihn ebenso gut wie sich selbst kennenzulernen. Seine Gewohnheiten, seine Eigenarten, seine Stärken und Schwächen müssen bestmöglich studiert und analysiert werden.

Dieses Sich-Einlassen auf die einem anfangs oft völlig fremde Person kann manchmal so weit gehen, daß diese zu einem Bestandteil von einem selbst zu werden scheint. Aus dem Kennenlernprozeß entwickelt sich langsam eine Art Verschmelzungsprozeß. Dies ist meist eine kritische Phase, weil nun der Vernichtungsangriff ins Spiel kommen muß. Bevor der Vereinigungsprozeß abgeschlossen ist, muß das Schwert gezückt und zugeschlagen werden. Da gilt es, das eigene Herz zu verhärten, sein Mitleid und sein Verständnis zu ignorieren und zuzuschlagen.

Diesen ganzen Prozeß kann man auch als einen Prozeß des Pirschens bezeichnen, ein Sich-Heranpirschen an sein Opfer. Es ist die hohe Kunst der Kriegsführung. In gewissem Sinne ist meine Vorgehensweise der eines Raubtiers nicht unähnlich. Die Beute aufspüren, sie anpirschen, sie beobachten, ihre Verhaltensweisen und Gewohnheiten kennenlernen und sie dann im geeigneten Moment töten. Obwohl ich mich selbst nicht unbedingt als einen Krieger betrachte, beherrsche ich doch die Kunst der Kriegsführung. Was in diesem Metier wohl auch unerläßlich ist.

Ich weiß nicht, aus welchen Gründen, mit welchen Absichten die Personen hierherkommen. Manche machen einen getriebenen Eindruck, andere scheinen irgendwelchen Verlockungen hinterherzujagen. Es gibt auch welche, die, woher auch immer, von mir und dem Grenzgebiet gehört haben und sich daraufhin ganz gezielt auf die Suche hierher machten. Diese kamen wohl aus eigenem Antrieb, sei es nun der reinen Neugierde wegen oder mit der festen Absicht, mich herauszufordern. Wobei so manchem erst ziemlich spät klar zu werden scheint, daß es hier im Grenzland immer um Leben oder Tod geht.

Hin und wieder gerieten Personen auch ganz zufällig hierher. Obwohl: was bedeutet schon zufällig? Ich will und kann eine tiefere oder von mir aus auch höhere Instanz nicht ausschließen, die dies alles in die Wege leitet. Vielleicht hat dies alles eine umfassendere Bedeutung, die          sich mir nicht erschließt. Aber darüber weiß ich nichts. Und es ist wohl auch nicht meine Bestimmung, etwas darüber zu wissen. Was kümmert mich im übrigen die Herkunft oder die Geschichte der hier Ankommenden? Was kümmern mich ihre Beweggründe, hier zu erscheinen? Wichtig für mich ist einzig und allein ihr Erscheinen hier bei mir.



Der Grenzwächter I (Vergangenheit)


Du kannst die Wahrheit nicht erfahren, wenn du weiterhin deine Geschichte erzählst, und du kannst deine Geschichte nicht weitererzählen, wenn du die Wahrheit erfährst.

– Gangaji



Einzig die Hilfe, die vom Bedürfnis nach weiterer Hilfe befreit, ist es wert, geleistet zu werden. Hilfe, die wiederholt werden muß, ist keine Hilfe. Rede nicht davon, einem anderen helfen zu wollen, bevor du ihn nicht jenseits aller Bedürfnisse nach Hilfe bringen kannst.

– Nisargadatta Maharaj


Etwas über meine Vergangenheit zu erzählen ist mir kaum möglich, denn da gibt es nichts, was mit Sicherheit darüber gewußt wird. Erinnerungsfragmente, von denen nicht einmal klar ist, ob es sich um meine eigenen Erinnerungen, um meine eigene Vergangenheit handelt. Da scheint es keine persönliche Geschichte zu geben, und die sporadisch auftauchenden Bruchstücke können nicht in Zusammenhang gebracht werden. Sie enthalten keine Kontinuität.

Meine eigene Geschichte liegt vor mir wie ein dunkler, sich bis in die Unendlichkeit ausdehnender Ozean. Die Oberfläche schimmert wie mit geschmolzenem Silber überzogen, das einen nicht vorhandenen Nachthimmel reflektiert.

Nicht immer zeigte sich dieser Ozean so still und unbewegt. Es gab Zeiten, in denen sich aus seinen öligen Tiefen ganze Welten erhoben, angefüllt mit den unterschiedlichsten Ereignissen und Gestalten. Sturmgepeitschtes Wasser mit haushohen Wellen riß mich mit in immer neue Episoden des Seins. Die Fluten griffen mit gierigen Klauen nach mir, erfaßten und entführten mich in Geschehnisse hinein, die ich für die Wirklichkeit hielt. Heute weiß ich, daß es die Schatten der Vergangenheit waren, die mich in Welten voller Schrecken, aber auch voller Verheißungen hineinzogen.

Dazwischen gab es auch wieder Zeiten der Ruhe, trügerische Momente, in denen ich mich leer und ausgebrannt am Ufer liegend wiederfand. Ausgespuckt von diesem Ungeheuer, das nun so still und harmlos wie heute vor mir lag. In seinen Tiefen lauerten keine raffgierigen Bestien mehr, sondern ein ewiger Gleichmut und Frieden in seinem Zentrum schien die Wogen zu glätten. Doch der nächste Sturm, der sich meist mit einer          leichten, kaum wahrnehmbaren Brise ankündigte, ließ nicht lange auf sich warten. Diese Schatten einer vorgestellten, einer zwischen mich und das Leben gestellten Vergangenheit, forderten ihren Tribut ein. Der Preis war nicht weniger als mein Leben, das sie sich zu eigen machten.

Dieser Ozean setzt sich nicht nur aus meiner eigenen Vergangenheit zusammen, er scheint die Geschichte aller jemals existierenden Wesenheiten zu enthalten. Traumgebilde, Vorstellungswelten. Es ist müßig, wenn nicht sogar sinnlos, in diesen Illusionsgebilden etwas Wahres finden zu wollen, etwas Hilfreiches für das Leben hier und jetzt. Mit Hinweisen und Ratschlägen sind diese Phantome zwar schnell zur Hand, aber ihre Unbeständigkeit und Unaufrichtigkeit ist ziemlich leicht zu durchschauen. Wendemäntel, Fahnen im Wind. Obwohl ihr Vorhandensein natürlich auch etwas Tröstliches haben kann. Immerhin gaben sie meinem Dasein eine Zeitlang Kontinuität, gaben ihm Wirklichkeit. Damals, als noch ein unermüdliches Bemühen stattfand, mir meine eigene Existenz zu beweisen. Doch das ist lange her.

Irgendwann wurde dieser ganze Mummenschanz dann durchschaut, woraufhin ihm seine Wichtigkeit, und damit einhergehend auch sein Wirklichkeitsanspruch, genommen wurde. Die Erscheinungen verloren ihre Glaubwürdigkeit, aber auch ihren Schrecken. Es waren meine eigenen Gespenster, mit denen ich das Universum bevölkert hatte. Letztlich fand nicht mal eine Schlacht statt. Beim genauen Hinschauen lösten sie sich in das auf, was sie wirklich waren. Mit der Befreiung von diesen Anhaftungen kam dann auch die Erkenntnis, daß es gar niemanden gibt, nie          jemanden gegeben hat, an dem sie hätten haften können. So gab es vielleicht eine Befreiung, aber niemanden mehr, der befreit wäre.


Ich bin allein. Bin immer allein gewesen, und wie es aussieht, wird sich daran auch nichts ändern. Der Gedanke, allein zu sein, ließ anfangs eine alles vernichtende Hoffnungslosigkeit aufkommen, doch bei einer tieferen Untersuchung stellte er sich als absolut ermutigend und befreiend heraus. Das Alleindastehen brachte unter anderem die Erkenntnis mit sich, daß mir kein anderer helfen kann. Damit ist jetzt nicht die praktische Hilfe gemeint, mit der sich die scheinbaren Individuen gegenseitig unterstützen. Eine sicherlich notwendige, der Menschheit innewohnende Eigenschaft, die sie als Gemeinschaft in ihrer Konsensrealität überleben läßt.

Was ich meine, ist die Hilfe bei der Lebensgestaltung. Die Hilfe bei Entscheidungsfindungen. Die Hilfe bei Fragen nach dem wie oder was ich sein soll, sein könnte, tun soll, tun könnte... Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, aber ich denke, es ist nun klar genug ausgedrückt, von welcher Art Hilfe hier die Rede ist. Mit der Suche nach und dem Bemühen um Hilfe aus dieser Richtung hemmt und zerstört der Mensch seine einmalige und individuelle Art des Seins. Das Schaf scheint lieber zur trügerischen Sicherheit der Herde zurückzukehren als zu versuchen, sich selbst zu behaupten. Was ich damit sagen will, ist: Der Mensch trennt sich mit der Suche nach Hilfe bei der Lebensgestaltung vom Leben selbst ab und übernimmt statt dessen eine Vorstellung vom Leben, die andere ihm suggerieren. Nachdem diese Erkenntnis der Hilflosigkeit sich gefestigt hatte, wurde die einstige Suche nach Hilfe als ein völlig sinnloses Unterfangen erkannt. Mit dem Wegfall der Suche fiel dann Stück für Stück das Bedürfnis nach Hilfe insgesamt weg. Keine Lehre, die befolgt werden sollte, keine Richtung, die beibehalten werden müßte, kein Ziel, das es zu erreichen gab. Das Leben selbst hatte mich zurückgewonnen. Es geschieht. Alles scheint zu geschehen, aber nichts geschieht wirklich. Keine Fragen, nur Antworten. Keine Suche, nur Finden. Kein Bemühen, nur Lassen. Gelassenheit. Das Leben lebt sein Mysterium aus sich selbst, und ich finde mich selbst als staunenden Beobachter.

Aber zurück zu den Schatten der Vergangenheit. Da scheint es eine Erinnerung an das Zusammentreffen mit einer Person zu geben, die sich die Vergangenheit zu ihrem Lebensinhalt machte. Heute braucht sie keinen Lebensinhalt mehr, denn als Person weilt sie nicht mehr unter den Lebenden. Ich habe sie getötet.

Die Begegnung fand so ziemlich am Anfang meiner Zeit hier statt, aber seltsamerweise ist die Erinnerung so klar, als ob sich das Intermezzo hier und jetzt ereignen würde. Dieses Phänomen läßt sich hier häufiger beobachten. Die Zeiten und Ereignisse fließen ineinander, ohne sie klar voneinander trennen zu können. Das ist wohl eine der Besonderheiten, die sich hier im Grenzland abspielen. Ich habe mich damit abgefunden, mich daran gewöhnt. Für mich ist dies Normalität geworden.


Der Kontrollfreak


Die Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken; sie beleuchtet stets nur das Stück Weg, das wir bereits hinter uns haben.

– Konfuzius

Irgendwann erkennt der Geist, daß er frei ist, daß er nicht die geringste Kontrolle hat und von unendlicher Freude erfüllt ist. Irgendwann verliebt er sich ins Ungewisse. Dort findet er Ruhe. Und da er nicht mehr glaubt, was er denkt, ist er stets in Frieden, ganz gleich, wo er ist oder nicht ist.

– Byron Katie


Vorhang auf für den Herausforderer, der beim Thema Vergangenheit die Bühne betritt. Ich weiß nicht, ob die Redewendung stimmt, daß der erste Eindruck der Wahrheit am nächsten kommt, doch es würde die hier aufkommende Antipathie dieser Person gegenüber verständlich machen. Der Auftritt gestaltet sich eher zurückhaltend, zaghaft, eigentlich schon ans Paranoide grenzend. Die Person gleicht einem Kaninchen, das sich zum ersten Mal mit einer offenen Käfigtür konfrontiert sieht – nicht die verlockende Freiheit sehend, sondern hinter jeder Ecke eine Gefahr vermutend. Zu der Käfighaltung paßt auch der nächste Eindruck. Es scheint sich um einen Menschen zu handeln, der in einem ziemlich starren Verhaltensrahmen feststeckt. Kleinbürgerlich, kleinkariert, zwanghaft berechnend. Doch da er hier direkt vor mir zu stehen scheint, kann ich ihn auch selbst zu Wort kommen lassen.


Du bezeichnest mich als zaghaften und ängstlichen Menschen, doch da scheinst du meine vielleicht nach außen zurückhaltend wirkende Art mißzuverstehen. Vorsicht ist besser als Nachsicht, wie ich zu sagen pflege. So wie ich das vorhin mitbekommen habe, ist dein Thema hier die Vergangenheit. Und dazu hast du mit mir genau den Richtigen aus deiner Erinnerung eingeladen. Oder sagt man heutzutage: hochgeladen? Egal, hier wird auf jeden Fall so einiges darüber gewußt.

Meine Vermutung und Erfahrung, die schließlich zur Gewißheit wurde, ist die, daß der Wert der Vergangenheit des einzelnen und der Geschichte im allgemeinen nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die Geschehnisse der Vergangenheit prägten doch die Ereignisse im Jetzt, und mein heutiges Verhalten bestimmt das Geschehen von morgen. Da sind doch Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, die ihre Gültigkeit andauernd unter Beweis stellen!

Dieses Überdenken und Vergleichen der Situationen wird von dir als Zaghaftigkeit ausgelegt, doch ich sehe darin eine Notwendigkeit, die mich in der Gegenwart besser zurechtkommen läßt. Es hilft mir, das Leben zu bewältigen, es zu meistern, ja es unter meine Kontrolle zu bringen.


Dein Verhalten spiegelt weniger einen Kontrollversuch als einen Fluchtversuch wieder. Dieses dauernde Zurückschauen, was du unter Kontrolle bekommen nennst, macht es dir doch unmöglich, ins wirkliche Leben einzutauchen. Da sich das Leben im Jetzt offensichtlich nicht kontrollieren läßt, flüchtest du in die Vergangenheit, um dort deinen Ängsten zu entgehen. Mir kommt es ziemlich unsinnig vor, eine vor sich liegende Situation durch Rückschau einschätzen zu wollen.

Durch dein Verhalten versuchst du, eine dauernde Wiederholung der Geschehnisse heraufzubeschwören. Denn das einem schon Bekannte kann natürlich besser kontrolliert werden. Du gleichst einem, der sich permanent ein Foto von sich vors Gesicht hält und damit glaubt, die Welt durch die immer gleichbleibende Person, durch die immer gleichen Augen zu betrachten. Du hast dir die Brille der Vergangenheit aufgesetzt, aber deine offensichtliche Sehschwäche kann diese nicht korrigieren. Mit anderen Worten: du verweigerst dich dem Leben im Hier und Jetzt, indem du dich auf ein bekanntes und scheinbar sicheres Vergangenheitsbild zurückziehst. Du selbst bist nichts anderes als eine Erinnerung an dich, an der du krampfhaft festhältst. Und mit dieser Vorgehensweise meinst du das zu meistern, was du Leben nennst. Damit glaubst du es kontrollieren zu können. Wahrscheinlich hast du gar keine andere Möglichkeit, als in deinem ewig gleichen Trott weiterzumachen. Oder kannst du etwa die Knoten deiner Erinnerung lösen und ganz von vorn anfangen?


Was willst du denn, schau dir doch die Welt an, in der wir leben. Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit... der reine Egoismus scheint die Welt fest im Griff zu haben. Wenn die Menschen des öfteren innehalten und zurückschauen würden, dann könnten sie viel aus der Geschichte lernen und so eine bessere und gerechtere Zukunft für sich selbst und für alle gestalten.


Oder aber die Geschichte wiederholt sich immer wieder, weil Menschen wie du permanent mit dem Kopf nach hinten durch die Gegend laufen. Obwohl es im Grunde egal ist, ob du nach vorne oder nach hinten schaust, du blickst sowieso immer in die Vergangenheit. Das, was du vor dir liegend siehst, ist nichts anderes als der Schatten deiner Erinnerung. Aber wahrscheinlich gelingt dir nicht einmal, dies wenigstens als Idee zu akzeptieren, weil es nicht in dein festgefügtes, nur aus deinen Erinnerungen bestehendes Weltbild paßt.

Auch ich sah lange so etwas wie eine Zukunft vor mir liegen, bewegte mich scheinbar auf die Zukunft zu, begab mich in sie hinein. Ich selbst schien mich in der Gegenwart, die Vergangenheit sich hinter mir und die Zukunft sich vor mir zu befinden. Doch irgendwann ist diese Linearität von Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft zusammengebrochen. Sie hat sich bei näherer Überprüfung als eine falsche Annahme herausgestellt, worauf sie aus dem System geworfen wurde. Ein Hoch auf den Tag, als dies geschah!


Wie kommt man zu so abstrusen Behauptungen, das vor mir Liegende wäre ebenso meine Vergangenheit wie das hinter mir Liegende? Und wo geht die Reise dann hin? Wohin bewege ich mich von hier aus, wenn nicht in die Zukunft hinein?


Ich habe nichts davon gesagt, wohin du dich bewegst. Vorausgesetzt, du bewegst dich überhaupt irgendwohin, was ebenfalls eine höchst zweifelhafte Annahme ist. Ich habe davon gesprochen, was du vor dir siehst. Und es ist nicht die Zukunft, die du vor dir siehst…


Natürlich sehe ich nicht die Zukunft vor mir, sondern die Gegenwart, das, was ist. Und durch das Gesetz von Ursache und Wirkung kann ich das vor mir Liegende aus der Vergangenheit ableiten und die Zukunft durch meine jetzigen Taten beeinflussen.


Tja, Ursache und Wirkung. Das Blöde ist nur, daß dieses von dir so hochgehaltene Kausalitätsprinzip hier im Grenzland keine Gültigkeit hat. Es existiert nur in deiner Vorstellung und kann seine Wirkungen auch nur dort entfalten. Aber du hältst daran fest, weil du Angst hast – Angst, die Kontrolle zu verlieren.

Dir geht es nur um Kontrolle. Du versuchst das Leben zu kontrollieren, indem du etwas dir schon Bekanntes vor dich hin projizierst. Das, was du vor dir siehst, ist nicht deine sogenannte Gegenwart; es ist die bearbeitete Version deiner Erinnerung, deiner Vergangenheit. Das Erscheinende, das, was ist, wird – noch bevor es dir bewußt wird – von deinen Erinnerungen vereinnahmt und in bearbeiteter Form wieder vor dich hingestellt. Dir selbst erscheint es dann in veränderter Form, es ist nie das Ding an sich, was du vor dir siehst. Dein Verstand projiziert die Inhalte deines Erinnerungsspeichers, die Vergangenheit also, in die Gegenwart.

Es ist die Vergangenheit, die sich so die Erscheinungen zu eigen macht. Es ist immer die Vergangenheit, die das vor dir Liegende durch ihre Interpretation zu einem Teil von ihr macht. Aber das einzige, was wirklich zählt, ist der Augenblick. Es gibt nichts anderes. Und da läßt sich nichts kontrollieren. Der vergangene Augenblick ist Illusion. Und in dem Augenblick, in dem “du“ den Augenblick erfaßt, ist er auch schon zur Illusion geworden. Du bist der Wirklichkeit leider immer einen Augenblick hinterher. Du kannst die Wirklichkeit gar nicht erleben, erfassen, verstehen, geschweige denn kontrollieren.


Meiner Meinung nach bist eher du es, der ein Problem mit der Gegenwart hat und sich daher so wirre Theorien darüber ausdenkt. Wer würde deinen Gedankengängen denn folgen oder sie gar akzeptieren?


Genau das ist der Punkt, um den es geht. Du kannst meine Worte nicht verstehen, weil dir der Bezug dazu fehlt. Weil du bei deiner Suche in der Vergangenheit in deinem Inventar keine Referenz für diese Aussagen findest. Deshalb kannst du sie nicht akzeptieren, geschweige denn verstehen. Und so, wie du gestrickt bist, wirst du es nicht mal versuchen.

Das meine ich, wenn ich sage, dein Erlebnisrahmen wird immer nur so groß bleiben wie deine Kleinkariertheit. Du kannst überhaupt nicht hören, geschweige denn erfassen, was ich sage. Zwischen uns kann gar keine wirkliche Unterhaltung stattfinden, weil du viel zu sehr in deine persönliche Geschichte verstrickt bist, in der Menschen wie ich nichts zu suchen haben. Und wie gewohnt versuchst du, dich wieder in das dir schon Bekannte zurückzuziehen. Aber hier kommst du mit deinem Versuch, die Ereignisse und vor allem dich selbst zu kontrollieren, nicht weiter. Hier im Grenzland ist dir dein gewohnter Fluchtweg in eine sichere Vergangenheit abgeschnitten. Hier gilt es, sich der Wahrheit und der Realität zu stellen. Erweist du dich als wahrer Mensch und          überwindest die Schranke ins Unbekannte?


Ich habe weder Vertrauen in dich noch das Bedürfnis, mich auf so etwas wie das Unbekannte einzulassen. Das Bekannte ist mir mehr als genug, was sollte ich mich darüber hinaus noch um unberechenbare Abenteuer kümmern?


Was uns unterscheidet, ist das, worauf wir unser Vertrauen setzen. Du vertraust auf die Vergangenheit, die du kontrollieren kannst, und ich vertraue auf das Leben, das meiner Erkenntnis nach nie fehlgehen kann. Der Versuch, das Leben unter Kontrolle zu bringen, schneidet einen selbst vom Leben ab. Du kannst doch nur etwas kontrollieren, was getrennt von dir existiert. Aber du bist ein Teil des Ganzen, ein Teil des Lebens, wie solltest du es da kontrollieren können? Durch deinen Versuch, das Leben zu kontrollieren, trennst du es ab von dir, du stellst es vor dich hin, stellst es dir vor. Es ist ein vorgestelltes Leben, das du kontrollierst, aber niemals die Wirklichkeit, das Leben selbst. Und mit deiner so hoch geschätzten Selbstkontrolle verhält es sich nicht anders. Wer kontrolliert denn da wen?


O. k., laß es von mir aus eine kontrollierte Lebensweise sein, aber damit gelingt es mir, die größeren Schwierigkeiten und Hindernisse rechtzeitig zu erkennen und ihnen auszuweichen. Wenn ich mein Leben mit dem von anderen vergleiche, bemerke ich nicht ohne Stolz, wie ich das Leben in den Griff bekommen, es gemeistert habe. Und jetzt kommst du und willst mir sagen, das alles wäre nichts wert?


Du bist nicht den Schwierigkeiten und Hindernissen ausgewichen, du hast versucht, dem Leben selbst aus dem Weg zu gehen. Das mag dir insoweit geglückt sein, als du mit deinem dir vorgestellten Scheinleben zufrieden          warst. Damit hast du es vielleicht geschafft, bis hierher ins          Grenzland zu kommen, doch nun hat sich dein Weg als Sackgasse herausgestellt, er endet hier. Hier ist die Grenze der Illusion, hier besteht keine Möglichkeit mehr, dich dem wahren Leben zu entziehen. Von Bedeutung ist jetzt nur noch die Wahrheit. Ob du die Prüfung als wahrer Mensch bestehst und deinen Weg fortsetzen kannst wird sich heute noch herausstellen.

Schau dir die Wellen auf dem Ozean da draußen an. Versuchen sie als Individuen ihren Verlauf zu kontrollieren? Versuchen sie als perfekte Welle zu erscheinen? Warum sollten sie das tun, wo doch einer jeden die Intelligenz des ganzen Ozeans innewohnt. Keine der Wellen ist vom Ozean getrennt, keine kontrolliert ihr Entstehen, ihren Verlauf und ihr Vergehen. Und doch – oder gerade deshalb -erscheint alles in absoluter Perfektion und Harmonie.

Ein kleiner gutgemeinter Hinweis für dich: Wenn du die Kontrolle freiwillig abgibst, wäre es leichter und weniger schmerzhaft, als wenn du sie unfreiwillig verlierst. Was du selbst ablegst, braucht dir nicht genommen zu werden. Schau sie dir an, deine Kontrolle, und erkenne, was sie wirklich ist und was sie bewirkt.


Entziehen werde ich mich jetzt dir, denn es erscheint mir vernünftiger, mich in diesen wunderbaren Wellen da draußen zu vergnügen, als deinen seltsamen Ausführungen noch länger zuzuhören. Wahrheitsprüfung, Grenzland... Wirres Zeug, wo bin ich hier nur gelandet! Ich wäre froh, dich hier nicht mehr zu sehen, wenn ich wieder aus dem Meer komme. Ich habe kein Interesse an irgendwelchen Beweisen oder Prüfungen.



Das Schicksal hat es wohl gut mit ihm gemeint, denn sein Wunsch wurde ihm erfüllt. Es war das letzte Mal, daß er hier zu sehen war. Ich weiß nicht, ob man dies als meinen ersten Mord zählen kann, weil ich ihn nicht vor den lebensgefährlichen Unterströmungen gewarnt habe, die um diese Jahreszeit hier an der Küste herrschen. Wie auch immer: vermutlich hat er sich das erste Mal wirklich unkontrolliert ins Leben gestürzt, und so eine Aktion sollte man niemals unterbinden. Vielleicht war es auch das letzte Mal für ihn, doch das wahre Leben scheint er auf jeden Fall noch kennengelernt zu haben. Die Prüfung an der Schranke hatte sich nun natürlich erledigt, mein Job war getan.


Was noch zu tun bleibt, ist, diese Vergangenheitsgeschichte zu Ende zu bringen. Hier hat sie sich folgendermaßen aufgelöst: Der Filter oder Zerrspiegel, als der sich die wahre Natur der Vergangenheit herausstellte, ist ein Fremdkörper, der sich wie ein Krebsgeschwür in den Wahrnehmungsmechanismus eingenistet hat. Er fordert einen hohen Preis für seine ungebetenen Dienste. Sein Tribut ist in Form von Energie zu entrichten, emotionaler Energie, die er durch seine Wichtigkeit aus den Organismen abzieht. Der Vergleich mit einem Viehzüchter, der sich Kühe hält, um sie täglich melken zu können, trifft die Sache ziemlich gut. Er füttert und pflegt sie zwar, aber im Grunde nur, um sie ausbeuten zu können – im Prinzip nichts anderes als Versklavung.

Dieser Preis erschien hier eines Tages zu hoch. Dem Eindringling wurde die Energiezufuhr abgeschnitten, das Krebsgeschwür sozusagen ausgehungert. Ich weiß nicht, ob noch ein Rest von ihm in den Tiefen lauert, aber dies wird hier nicht mehr als Gefahr gesehen. Seit auf den Wahrheitsanspruch der Erinnerungen und auf die Interpretationen verzichtet wurde, bleibt die Oberfläche des Ozeans der Vergangenheit still und unbewegt. Ob ich darauf verzichtet und dadurch die Unbewegtheit ausgelöst habe, oder ob sich der Verzicht aus der Bewegungslosigkeit ergab, ist nicht ganz klar zu ersehen. Dies scheint auch nicht von Bedeutung zu sein. Wie so viele Bedeutungen hat sich auch diese in den unergründlichen Tiefen dieses Meeres verloren. Und ihre einstmalige Wichtigkeit hat sich gleich mitaufgelöst.



Der Grenzwächter II (Vergangenheit)


Schlepp die Vergangenheit nicht in den Taschen herum, denn sie existiert nur im Gedächtnis, wo die Toten tanzen.

– Papaji

Erinnerungen und Gedanken haben wie die Wolken am Himmel weder einen Ort, wo sie entstehen, noch einen Ort, wo sie verweilen, noch einen Ort, wo sie sich auflösen – sie sind wurzellos.

– Drogön Schang


Nicht, daß mein Alleinsein mit Einsamkeit zu verwechseln wäre. Denn einsam war ich nie. Bis vor kurzem befand ich mich zum Beispiel noch in Gesellschaft zweier außergewöhnlicher Gesellen. Aber was bedeutet hier schon seltsam oder außergewöhnlich. Der Begriff “einzigartig“ gefällt mir in diesem Zusammenhang eigentlich besser. Wenn ich mir so eine Art Seltsamkeitsskala vorstelle, dann wären so gut wie alle, die mir hier begegnen, ziemlich weit am extremen Ende angesiedelt. Aber vielleicht befinden sich diese Personen auch im normalen Bereich, und ich selbst stelle den extremen Bereich dar. Obwohl ich bezweifle, mich überhaupt auf dieser Skala zu befinden. Es kommt einer Tatsache wohl näher, die ganze Skala zu sein, die ich nicht geworden bin, sondern immer schon war. Normalitätsskala, witzige Sache. Oder doch eher irrwitzige Sache.


Hier wurde einmal eine junge Frau vorstellig, die sich sehr um mich und meine Art, durchs Leben zu gehen, zu bemühen schien. Obwohl, wenn ich von einer “jungen“ Frau spreche, kann das mißverstanden werden. Vielleicht wäre es an diesem Punkt angebracht, die Relativität miteinzubeziehen. Hier im Grenzland scheint ja alles relativ zu sein.

Erneuter Anfang: Hier wurde einmal eine relativ junge Frau vorstellig...

Nein, auch das trifft es nicht. Genau betrachtet hat hier nicht einmal die Relativität Gültigkeit. Im ewigen Jetzt gibt es nichts, was in Beziehung zu etwas anderem gesetzt werden könnte. Ich zum Beispiel bin alterslos. Alles hier ist alterslos. So etwas wie “alt“ oder “jung“ gibt es doch nur, wenn man es in Beziehung zu etwas anderem setzt, man also wieder eine fiktive Skala bemüht. In diesem Fall eine Relativitätsskala. Da findet der Versuch statt, der Realität eine Relativität überzustülpen, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Was gibt es hier also wirklich? Doch nur das Erscheinende. Und das erscheint alles jetzt, in diesem Moment, ist also völlig alterslos. Wenn also die junge Frau dem alten Mann erscheint, treten sie beide jetzt in Erscheinung und sind in Wirklichkeit gleich alt. Gleich alt wie alles andere mit ihnen Erscheinende, also in Wahrheit alterslos.

Wagen wir noch einen dritten Versuch: Hier wurde einmal...

Nein, es scheint unmöglich, die Wirklichkeit in Worte zu fassen. Aber egal, hier wird ja auch nur eine Geschichte erzählt, und in Geschichten muß keine Wirklichkeit vorhanden sein. Kann vielleicht gar keine Wirklichkeit vorhanden sein.

Also dann halt ohne Wirklichkeitsanspruch weiter mit der Erzählung. Diese mir penetrant neugierig und aufdringlich erscheinende junge Frau (sie selbst sah sich natürlich mit völlig anderen Eigenschaften wie “mitfühlend“, “besorgt“, “hilfsbereit“ etc. begnadet), stellte mir unter anderem die Frage, warum ich nicht einfach „normal“ sein könne. So wie die anderen, nicht immer so ... anders. Woraufhin ich mir die anderen einmal genauer anschaute. Tja, was soll ich sagen, sie waren weit weniger normal als ich selbst. Und da es mir verwehrt ist, in eine mir abnormal erscheinende Rolle zu schlüpfen, werde ich wohl weiter abnormal für die anderen bleiben. Übrig bleibt die Erkenntnis: so ganz normal sind wir wohl alle nicht. Wobei ich eigentlich überhaupt nicht weiß, was diese sogenannte Normalität überhaupt ist. Wenn es wirklich so gewesen sein sollte, daß ich mich irgendwann einmal von der sogenannten Normalität wegbewegt habe, dann ist hinter mir die Tür zugefallen.

Früher mußte meistens so eine Art kontrollierte Maskenhaftigkeit herhalten, um klarzukommen. Es schien die einzige Möglichkeit, um in der Vorstellungswelt oder bei Interaktionen mit den Mitmenschen funktionieren zu können. Das große Täuschungsmanöver diente der Verschleierung des Herausfallens aus der sogenannten Normalität vor den anderen und sogar vor mir selbst. Aber seit ich hier im Grenzland bin, werden die Verkleidungen immer weniger gebraucht, die Masken haben ihren Sinn und Zweck verloren.

Diese aufgesetzten Masken oder Persönlichkeiten sind doch nichts weiter als der Schein von einem wahren Licht. Ein Abglanz. Ein Abglanz des Lebens selbst. Sie haben keinerlei eigene Leuchtkraft. Eben nur Schein. Deshalb wohl auch das seltsame Bemühen der Maskenträger, im Licht zu stehen, sich anscheinen zu lassen. Ein Versuch, auf diese Weise die eigene Lichtlosigkeit zu verbergen. Aber wenn etwas beschienen wird, wirft es auch einen Schatten. Nur das wahre Licht, die Lichtquelle selbst, ist als einziges schattenlos. Alles andere, das, was beschienen wird, schleppt auch einen Schatten mit sich herum. Das Wahre kennt keinen Schatten. Nur das “Falsche“, das Angeschienene, sieht sich mit seinem eigenen Schatten konfrontiert. Obwohl es im Licht stehen will, ist es gezwungen, in einer Schattenwelt zu leben.

In letzter Zeit stellt sich des öfteren die Vision eines solchen Lichtes ein. In dunklen Nächten ist es weit südlich von hier als schwacher Glanz wahrzunehmen. Es könnte sich um einen Leuchtturm handeln, da das Licht, das von ihm ausgeht, zu pulsieren scheint. Wenn meine Arbeit hier erledigt ist, wenn mich nichts mehr an das Grenzland bindet, werde ich mich wohl aufmachen, um zu sehen, was es mit dieser Lichterscheinung auf sich hat.

Doch zurück zu der Zeit, als wir zu dritt diese Gegend hier bewohnten. Wann war das? Vor Jahren, gestern, oder waren wir nicht heute morgen noch beisammen? Ich weiß es nicht. Die Zeit verblaßt, Ereignisse werden zu Erinnerungen, und Erinnerungen entwickeln sich zu Ereignissen im Jetzt. Die Zeit selbst scheint sich ihrer Relativität bewußt geworden zu sein und kümmert sich nicht mehr um Kontinuität und Berechenbarkeit. Nachdem sie lange ihre Verläßlichkeit und Unbestechlichkeit zu beweisen versuchte, hat sie sich letztlich doch als Illusion geoutet.

Die Dinge lösen sich auf wie der Morgennebel, der hier für gewöhnlich die Umgebung in eine diffuse Milchsuppe taucht. Eine für das Auge undurchdringbare weiße Wand, aus der plötzlich etwas hervorzubrechen scheint, das aber im nächsten Moment schon wieder verblaßt.

So war es auch mit den beiden Gefährten, die mir eine Zeitlang Gesellschaft leisteten. „Gefährten“ ist eine gute Bezeichnung. Wir befanden uns auf einer Fährte. Und da sie mit mir zusammen waren, scheinen wir auf derselbem Fährte gewesen zu sein. Ich suchte den “wahren Menschen“, sie suchten sich selbst als Wahrheit zu beweisen. Aber Fährten gibt es hier nicht mehr. Die Wahrheit wurde zu einem weglosen Land. Auch die Gefährten sind nicht mehr. Ich habe sie getötet. Ich bin ein Mörder.


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